Am 28.7.1985 erschien im "New York Times Magazine" ein von den angesehenen Journalisten Theodore H. White verfaßter Artikel mit der Überschrift "The Danger from Japan". Der Artikel erschien während der Senatsanhörungen für den von Präsident Reagan für das Amt des Amerikanischen Handelsbeauftragten nominierten Clayton Yeutter, von dem eine neue offensive Verhandlungsstrategie in der Handelsdiplomatie gegenüber Japan erwartet wurde. Dieser Artikel wird in der Literatur nahezu einhellig als Beginn des aktuellen Japan-Revisionismus in den USA genannt.
In dem Artikel erinnert White an die japanische Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs. Er spannt dann einen Bogen zur Handelsoffensive Japans gegenüber der US-Industrie, durch die Japan den militärisch verlorenen Krieg im Pazifik letztlich mit wirtschaftlichen Mitteln gewinnen wolle. Japan setze dazu auf staatliche Lenkung und aggressive Handelspraktiken und nütze die Ignoranz und Unfähigkeit der US-Politiker und Manager aus. Die US-Gesellschaft sei letztlich der japanischen überlegen, müsse aber gegen die japanische Offensive durch eine aktive staatliche Industriepolitik, gesellschaftliche Reformen und eine energische Handelspolitik verteidigt werden. Auch sicherheitspolitisch müßten die Fronten geklärt werden. Japan solle sich stärker am militärischen "burden-sharing" beteiligen, andernfalls müßten sich die USA aus dem Bündnis mit Japan zurückziehen.
Etwa fünf Jahre später, am 7. Mai 1990, veröffentlichte das politische Wochenmagazin "US News & World Report" einen Artikel mit der Überschrift "The Gang of Four Defends the Revisionist Line". Im Vorwort der Redaktion zu diesem Artikel heißt es, eine "neue Generation" von Asienexperten diskutiere nicht mehr über Fairness, sondern über die Andersartigkeit Japans. Die führenden Japan-Revisionisten, die gemeinsam den Artikel verfaßt hatten, waren James Fallows, Chalmers Johnson, Clyde Prestowitz und Karel van Wolferen, die sogenannte "Viererbande".
Chalmers Johnson, Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten in Berkeley und später San Diego und nach seiner Emeritierung Leiter eines privaten Think Tanks, gilt als Vordenker des Revisionismus. Karel van Wolferen, Wirtschaftsjournalist für die niederländische Zeitung NRC Handelsblad, war Vorsitzender des Foreign Correspondents' Club in Tokyo. James Fallows, Journalist und Herausgeber der Zeitschriften "Washington Monthly" und "The Atlantic Monthly", arbeitete als Hauptredenschreiber für den demokratischen Präsidenten Jimmy Carter und hat auch zur demokratischen Clinton-Administration enge Verbindungen. Clyde Prestowitz war von 1983 bis 1986 im US Handelsministerium direkt an der Handelsdiplomatie mit Japan beteiligt. Nach seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst wurde er Präsident des Economic Strategy Institute in Washington, eines privaten, der US-Industrie nahestehenden Think Tanks. Die genannten Autoren verbindet auch ein enges persönliches Netzwerk und sie bilden den Kern der revisionistischen Denkschule.
Der Artikel in "US News & World Report" stellt eine authentische Zusammenfassung der Kernargumente der Japan-Revisionisten dar. Sie bekennen sich zur Bezeichnung "Revisionisten" und lehnen den Ausdruck "Japan bashing" ab, der ihrer Ansicht nach ein rassistisches Vorteil gegenüber Japan unterstelle. Die Autoren der "Viererbande" betonen in ihrem Artikel in "US News & World Report", daß sie ungeachtet ihrer unterschiedlicher Kontexte in sechs Punkten übereinstimmten:
1. Die unausgeglichenen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Japan und den USA bedrohten die bilateralen politischen Beziehungen und das Weiterbestehen des Welthandelssystems, das auf die USA als Führungsmacht angewiesen sei. Besonders heben sie den Verlust industrieller Fertigung und Arbeitsplätze sowie den Verlust des technologischen Vorsprungs an Japan hervor.
2. Die bisherige Verhandlungsstrategie gegenüber Japan zur Beseitigung des Handelsungleichgewichts sei falsch und trage nur zur emotionalen Verhärtung der Positionen bei. Die US-Handelsdiplomatie gehe nämlich von einer falschen Konvergenzprämisse aus und erwarte die Verwestlichung Japans in Richtung auf eine konsumentenbestimmte, individualistische Gesellschaft.
3. Japan stelle aber ein Gesellschaftssystem dar, das von dem des Westens, damit meinen sie Nordamerika und Europa, grundsätzlich verschieden sei. Sie nennen vier Hauptunterschiede des "japanischen Systems" gegenüber dem westlichen System des "demokratischen Kapitalismus": die Bevorzugung der Unternehmen auf Kosten der Verbraucher bzw. des Massenwohlstands, die Förderung der wirtschaftlichen Konzentration, die Präferenz kollektiver, gesamtgesellschaftlicher Interessen vor Individualrechten und schließlich der geringe Stellenwert von ethnischen oder geschlechtsbezogenen Antidiskriminierungsmaßnahmen in Japan.
4. Der gesellschaftliche Wandel in Japan verändere den Kern des japanischen Systems nicht. Es sei robust und intern stabil. Es sei jedenfalls falsch, auf einen Wertewandel in Japan zu hoffen.
5. Die richtige Antwort auf das Handelsproblem stelle eine aktive Wirtschaftspolitik durch die US-Regierung dar, die bereits im Sinne von "managed trade" oder "industrial policy" Realität sei. Es sei falsch, aktive staatliche Wirtschaftspolitik zu tabuisieren.
6. Um eine aktive staatliche Wirtschaftspolitik durchsetzen zu können, müsse in den USA eine Diskussion über nationale Interessen geführt werden, denen Partikularinteressen und Lobbyismus unterzuordnen seien.
Die Revisionisten grenzen sich hier wie in vielen anderen Stellungnahmen gegen die "Fairness"-Denkschule ab. Bei der Forderung nach "fair trade" bzw. "level playing fields" gehe es vordergründig um die Gleichbehandlung, nämlich die Nichtdiskriminierung von US-Unternehmen in Japan gegenüber einheimischen Firmen. Impliziert sei damit nach Ansicht der Revisionisten eine Angleichungspolitik gegenüber der japanischen Gesellschaft, die so werden solle wie die US-amerikanische, sowie ein Verzicht auf wettbewerbsverzerrende staatliche Eingriffe und Industriepolitik. Demgegenüber fordern die Revisionisten, daß sich die USA auf die eigenen Werte besinnen und eine nationale Industriepolitik verfolgen müßten.
Wichtig ist allerdings, daß sich der revisionistische Diskurs nicht in erster Linie an den kulturellen Merkmalen der japanischen Gesellschaft abarbeitet. Die in Japan und unter Japanologen verbreitete Debatte über das Wesen der japanischen Kultur und Gesellschaft (Nihonjinron) steht bei den Revisionisten nicht im Vordergrund. Vielmehr bezieht sich der revisionistische Diskurs in erster Linie auf das politisch-ökonomische System. Japan gilt ordnungspolitisch als ein grundsätzlich anderes System ähnlich wie die Sowjetunion während des Kalten Krieges. Der Handelskonflikt zwischen den USA und Japan wird somit als regelrechter Systemkonflikt gedeutet. Diese Argumentation ist Teil eines allgemeineren Diskurses über verschiedene konflikthaft aufeinandertreffende Kapitalismus-Typen.
Der Japan-Revisionismus in den USA weist außerdem Parallelen zu Huntingtons These vom "Clash of Civilizations" auf. Darauf deutet insbesondere die Neigung revisionistischer Autoren hin, den "Westen" "Japan" bzw. "Ostasien" gegenüberzustellen, ähnlich wie es Huntington mit seinen Kulturkreisen tut. Alternative geopolitische Identitäten wie der Rekurs auf die alten "Achsenmächte" Japan und Deutschland, die den Alliierten gegenüberstehen, oder die Dichotomie zwischen angloamerikanischem Liberalismus und kontinentaleuropäisch-japanischem Merkantilismus konnten sich dagegen nicht durchsetzen. An der Konstruktion geopolitischer, großkultureller Identitäten sind führende Revisionisten jedenfalls aktiv beteiligt. Den Westen als Zusammenführung von Westeuropa und Nordamerika strebt Clyde Prestowitz an, wenn er für die Gründung einer "Trans Atlantic Free Trade Area" (TAFTA) plädiert. An der Konstruktion Ostasiens als Gegenpart des Westens versucht sich James Fallows in seinem Buch "Looking at the Sun. The Rise of the New East Asian Economic and Political System".
Nachdem laut Meinungsumfragen die US-amerikanische Öffentlichkeit Japan noch bis Mitte der 1980er Jahre sehr positiv eingeschätzt hatte, deutete sich in der amerikanischen Öffentlichkeit unter dem Eindruck des Japan-Revisionismus eine Veränderung an. Mit dem Verblassen des Ost-West-Konflikts zeigt sich Japan in Meinungsumfragen zunehmend als Bedrohung für die USA. So berichtete "Business Week" am 7.8.89 im vielzitierten Artikel "Rethinking Japan", daß 68 Prozent der befragten US-Amerikaner die wirtschaftliche Bedrohung durch Japan für eine größere Gefahr hielten als die militärische Bedrohung durch die Sowjetunion. Übereinstimmend wird aber in der einschlägigen Literatur darauf verweisen, daß entgegen dieses sensationell anmutenden Umfrageergebnisses trotzdem eine Mehrheit der Bevölkerung die bilateralen Beziehungen im Grunde als freundschaftlich betrachte.
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27.07.2007
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